Die Geburt eines Kindes gilt als einer der schönsten Momente im Leben einer Frau. In unserer Gesellschaft wird dieses Bild immer wieder vermittelt: Die Mutter hält ihr Baby im Arm, ist überwältigt von Liebe und Glück und beginnt voller Freude ihr neues Leben als Familie. Doch die Realität vieler Frauen sieht anders aus.
In meiner Praxis begegne ich immer wieder Müttern, die nach der Geburt ihres Kindes mit Gefühlen kämpfen, über die sie kaum sprechen. Nicht, weil diese Gefühle ungewöhnlich wären, sondern weil sie sich dafür schämen.
Wenn die Geburt anders war als erhofft
Viele Frauen erleben die Geburt ihres Kindes nicht als selbst bestimmt, sicher oder getragen. Manche berichten von Situationen, in denen sie sich ausgeliefert fühlten. Andere hatten das Gefühl, nicht gehört oder ernst genommen worden zu sein. Manche Frauen beschreiben die Geburt rückblickend als einen Moment, in dem sie die Kontrolle verloren haben. Sie fühlten sich hilflos, allein oder überfordert.
Trotzdem hören sie nach der Geburt häufig Sätze wie:
„Hauptsache, dem Baby geht es gut.“
„Jetzt sei doch einfach glücklich.“
„Vergiss die Geburt, dein Kind ist gesund.“
Doch belastende Erfahrungen verschwinden nicht, nur weil niemand mehr darüber sprechen möchte.
Die stille Last der Scham
Viele Mütter fragen sich:
Warum bin ich nicht einfach glücklich?
Warum fühle ich mich traurig oder leer?
Warum habe ich Angst?
Warum kann ich das Erlebte nicht loslassen?
Besonders Erstgebärende stehen vor einer völlig neuen Lebenssituation. Nichts kann wirklich auf die körperlichen, emotionalen und psychischen Veränderungen vorbereiten, die mit einer Geburt einhergehen.
Während das Umfeld häufig das Baby in den Mittelpunkt stellt, bleiben die Bedürfnisse der Mutter oft unbeachtet.
So entsteht ein innerer Konflikt:
Einerseits ist da die Liebe zum Kind.
Andererseits sind da Erschöpfung, Überforderung, Traurigkeit, Angst oder sogar Wut.
Viele Frauen glauben dann, mit ihnen stimme etwas nicht.
Doch genau das Gegenteil ist der Fall.
Liebe und Überforderung können gleichzeitig existieren
Eine Mutter kann ihr Kind von Herzen lieben und sich gleichzeitig überfordert fühlen.
Sie kann dankbar sein und dennoch um etwas trauern.
Sie kann glücklich sein und trotzdem unter den Folgen einer belastenden Geburt leiden.
Diese Gefühle schließen sich nicht gegenseitig aus.
Sie sind Ausdruck einer tiefgreifenden Lebensveränderung.
Wenn niemand fragt, wie es der Mutter geht
Nach der Geburt dreht sich verständlicherweise vieles um das Baby. Doch die Mutter hat ebenfalls eine Geburt erlebt.
Auch sie ist durch einen intensiven Übergang gegangen.
Auch sie braucht Zeit, Unterstützung und manchmal die Möglichkeit, über das Erlebte zu sprechen.
Viele Frauen berichten, dass sie erst Monate oder sogar Jahre später einen Raum finden, in dem ihre Geschichte gehört wird.
Einen Raum, in dem sie nicht bewertet, korrigiert oder vertröstet werden.
Sondern einfach erzählen dürfen.
Heilung beginnt dort, wo Worte möglich werden
Belastende Geburtserfahrungen müssen nicht verdrängt werden. Sie dürfen angesehen werden.
Sie dürfen ausgesprochen werden. Und sie dürfen verstanden werden.
In der systemischen Begleitung erleben viele Mütter zum ersten Mal, dass ihre Gefühle nachvollziehbar sind. Dass ihre Reaktionen Sinn ergeben. Und dass sie nicht allein sind mit dem, was sie erlebt haben.
Denn oft beginnt Heilung genau dort, wo Scham ihren Platz verliert und Mitgefühl entstehen darf.
Jede Geburt hinterlässt Spuren – körperlich, emotional und seelisch.
Diese Spuren verdienen Aufmerksamkeit, Verständnis und einen sicheren Raum, in dem diese gesehen werden dürfen.
Denn Mutter zu werden bedeutet nicht nur, ein Kind zur Welt zu bringen.
Es bedeutet auch, selbst neu "geboren" zu werden.
©2025 Vera Niermann
Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung oder Verbreitung mit Hilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung von Vera Niermann untersagt. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten.
