Auch viele Väter schweigen nach der Geburt

Wenn von einer Geburt gesprochen wird, stehen meist die Mutter und das Kind im Mittelpunkt. Das ist verständlich, denn beide durchlaufen einen tiefgreifenden körperlichen und emotionalen Prozess.

Doch oft gerät dabei jemand aus dem Blickfeld:

Der Vater.

In meiner Arbeit mit Familien begegne ich immer wieder Männern, die von der Geburt ihres Kindes tief bewegt, erschüttert oder sogar überfordert wurden. Viele sprechen jedoch kaum darüber. Nicht, weil sie nichts erlebt hätten.

Sondern weil sie glauben, stark sein zu müssen.

Die Rolle des Zuschauers

Während der Geburt befinden sich viele Väter in einer besonderen Situation.

Sie sind da. Sie erleben alles mit. Und gleichzeitig können sie oft nur begrenzt eingreifen.

Sie sehen die Frau, die sie lieben, in Schmerzen.
Sie erleben Ängste, Komplikationen oder hektische Situationen. Sie spüren ihre eigene Unsicherheit.

Und dennoch bleibt häufig nur eines:

Zuschauen.

Aushalten.

Hoffen, dass alles gut geht.

Für manche Männer fühlt sich diese Erfahrung an, als würden sie die Kontrolle vollständig verlieren.

Wenn Hilflosigkeit sprachlos macht

Viele Väter berichten später, dass sie sich während der Geburt völlig hilflos gefühlt haben.

Sie wollten helfen. Sie wollten schützen. Sie wollten etwas tun.

Doch oft gab es nichts zu tun.

Gerade Männer, die gewohnt sind, Probleme zu lösen und Verantwortung zu übernehmen, erleben diese Ohnmacht als besonders belastend. Dennoch sprechen nur wenige darüber.

Denn die Aufmerksamkeit gilt nach der Geburt dem Baby und der Mutter.

Und so entsteht häufig der Eindruck:

„Meine Gefühle sind jetzt nicht wichtig.“

Die Erwartung, einfach glücklich zu sein

Sobald das Kind geboren ist, beginnt für viele Familien ein neuer Lebensabschnitt.

Besucher kommen. Glückwünsche treffen ein. Alle freuen sich über das Baby.

Und auch vom Vater wird erwartet, glücklich zu sein.

Doch was geschieht, wenn die Geburt Angst hinterlassen hat?

Wenn die Bilder nicht verschwinden?

Wenn die eigene Überforderung größer ist als die Freude?

Viele Männer stellen sich diese Fragen im Stillen.

Nicht selten schämen sie sich dafür.

Väter dürfen ebenfalls erschüttert sein

Eine belastende Geburtserfahrung betrifft nicht nur die Mutter.

Auch Väter können Angst erleben.

Auch Väter können sich hilflos fühlen.

Auch Väter können unter dem leiden, was sie gesehen und erlebt haben.

Das bedeutet nicht, dass sie ihr Kind weniger lieben.

Es bedeutet lediglich, dass sie Menschen sind.

Menschen, die eine intensive Ausnahmesituation erlebt haben.

Wenn Schweigen zur Belastung wird

Was nicht ausgesprochen werden darf, wirkt oft im Verborgenen weiter.

Manche Männer ziehen sich zurück. Andere werden gereizt oder emotional distanziert.
Wieder andere funktionieren einfach weiter.

Doch hinter diesem Funktionieren können ungelöste Gefühle stehen:

Angst.
Ohnmacht.
Traurigkeit.
Erschöpfung.

Gefühle, die Raum brauchen.

Geburt betrifft die ganze Familie

Eine Geburt verändert nicht nur die Mutter. Sie verändert auch den Vater.

Aus einem Paar wird eine Familie. Aus einem Mann wird ein Vater.

Auch dieser Übergang verdient Aufmerksamkeit.

Denn wer die Bedürfnisse von Müttern stärken möchte, sollte die Väter nicht übersehen.

 

 

Eine Geburt hinterlässt Spuren, nicht nur bei Müttern, sondern bei allen Menschen, die sie miterlebt haben.

Manchmal beginnt Entlastung genau dort, wo das Schweigen endet und die eigene Geschichte erzählt werden darf.

 

©2025 Vera Niermann

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